
Die Musik beginnt mit einer anschwellenden Geräuschkulisse und wenngleich klar definierte Instrumente, wie ein Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Bass und dann und wann eine plärrende Mundharmonika darin einsetzen, verliert sich der Eindruck des Rauschens niemals wirklich. Und nicht nur das lässt den Hörer frei von Zweifel darüber, dass es sich hierbei um Avantgarde, um eine in der zeitgenössischen Popmusik so selten gewordene Negation von vorgegebenen Mustern, um eine tatsächlich eigene künstlerische Betätigung handelt. Unstern gibt, wie der Opener „Anglet“ verrät, in seinen Texten Informationen an die „Räte des naheliegenden Abortes“ im Tausch gegen „70 Kilos Kastanienlaub“ preis, um so zu seinem Ziel zu gelangen, „Urlaub unter Laub“ machen zu können. In ähnlich kruder Weise dekonstruiert er Genderrollen, wenn er in „Mathilde“ gesteht: „Ich hätte gern mit Dir getanzt, trüge ich dein Kleid und Du meinen Bart“. Schließlich zerlegt er in einer an Descartes erinnernden Meditation alles in und um sich in seine Einzelteil: „Wann lernt mein Hier, dass mein Nur nur jetzt Dasein sein kann?“. Doch Unstern hat hierbei weniger die Philosophie als vielmehr die Poesie im Sinne. Denn bei dem zitierten Paris handelt es sich um eins der schönsten Liebeslieder, die ich in diesem Jahr gehört habe, wovon der Vers „Wann sehe ich ein Gesicht, das mich nicht mehr an dich erinnern kann?“, Zeugnis abliefert. „Kratz Dich Raus“ ist sicherlich keine Platte für viele. Sie ist nur jenen seltenen Menschen gewidmet, deren Wahrnehmen noch unblockiert ist und die noch die Begegnung mit etwas Anderem als etwas Andersartigem in Kauf nehmen wollen, um schließlich den Genuss nicht nur im ewig Naheliegende zu erreichen.
Jörg
www.hansunstern.net